Sonntag, 22. Februar 2026

Buddenbrooks oder Wer braucht Pessimismus?

 

Zum bevorstehenden 125ten Erscheinungsjubiläum von Thomas Manns Roman am 26. Februar 2026 (22.02.26).

Ein rätselhafter Erfolg: Millionenfach ging Thomas Manns Frühwerk Buddenbrooks nicht nur in Deutschland über die Ladentische der Buchhandlungen – obwohl oder weil es sich um den „Verfall einer Familie“ handelt? Versuch einer erzähltheoretischen Antwort.

Die Tochter, die ihre Liebe zu einem angehenden Mediziner aus kleinbürgerlichen Verhältnissen nach Lektüre ihrer Familienchronik aus Gehorsam gegenüber der Patrizier-Tradition unterdrückt – das reichte, um nach dem genossenen freisinnigen Air des Zauberberg die Buddenbrooks zuzuschlagen. Nach Jahrzehnten, ohne Bewusstsein für das bevorstehende Jubiläum des 125. Erscheinungstages, wieder hervorgeholt und nun tapfer nochmals begonnen und diesmal zu Ende gelesen, bleibt doch einigermaßen mysteriös, was fünf Lesergenrationen offenkundig gefesselt hat. Denn Thomas Manns erster Roman verkauft sich nach wie vor, und wahrscheinlich besser als alle seine anderen – und sicherte ihm den Literaturnobelpreis.

Dabei war dieser Erfolg schon bei der Erstveröffentlichung von Literaturbeobachtern als sehr unwahrscheinlich eingeschätzt worden. Die auf Untergang polarisierte Stimmung konnte kaum mit dem Optimismus des anderen – und hinsichtlich der Geschäftstätigkeit seiner Protagonisten viel genauer gezeichneten – Kaufmannsromans Soll und Haben von Gustav Freytag konkurrieren. Des Weiteren mangelt es an amourösen Abenteuern und vor allem an glücklichen Ausgängen der geschilderten Geschicke. Stattdessen bietet Buddenbrooks eine Ästhetik der Auflösung über dreieinhalb Generationen einer ziemlich reichen Kaufmannsfamilie– finanzieller Ruin, psychischer Kollaps, Tod. Also eigentlich nicht das, was ein großes Publikum gerne lesen würde. Es ist ein Lichtblick der nacherzählenden statt analytischen und nur bis Thomas Manns Tod reichenden Rezeptionsgeschichte im Kommentarband zu Buddenbrooks im Rahmen der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe der Werke Manns, auf diesen Punkt nachdrücklich aufmerksam zu machen. Die Grundstimmung des Romans führen die Autoren des Kommentarbandes vor allem auf Manns geistige Leitsterne, den frühen Nietzsche sowie Schopenhauer zurück; die Einsicht in die Unwandelbarkeit der Gesetzmäßigkeiten des Lebens, die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens und Sympathie mit und Eifer beim Aufspüren angestammter vermeintlicher Lebensuntüchtigkeit.

Der Freudsche Todestrieb wirft seinen literarischen Schatten voraus. Bei Weitem übertrifft Manns Pessimismus denjenigen des Naturalismus Emil Zolas, der eines seiner literarischen Vorbilder war, aber nicht nur fatale Ausgänge wie in Nana oder La Bête humaine kennt, sondern auch energetische Erneuerungen wie in L`Argent und Docteur Pascal.

Warum also sind die Buddenbrooks so düster? Abgesehen von anzunehmender ehrlicher Hingabe des Autors an das Wesen der „Verfallsmenschen“, die ebenso an Willenskraft verlieren wie sie an ästhetischer Sensibilität zulegen, dürfte der Pessimismus Mann als solide Basis für die Konstruktion seines ersten Romans sehr gelegen gekommen sein: Der Bewegungsrichtung des Niedergangs war leicht zu folgen. Diese Bahn bot ein zuverlässiges Gerüst für das, was als erzählerische Virtuosität erscheinen mag, aber vielleicht einfach das Experimentierlabor eines beginnenden Schriftstellers gewesen ist.

So springt ins Auge, was man mit Gérard Genette als markanten Fokalisierungswechsel von einer Protagonisten-Generation zur nächsten kategorisieren kann. Die Teile über die erste und zweite geschilderte Buddenbrooks-Generation folgen weitgehend einer externen Fokalisierung; es ist behaviorales Schreiben, das den Figuren fast ganz äußerlich bleibt, sie weitgehend ohne Kenntnis ihrer inneren Verfassung beschreibt. Vielleicht hat Ernest Hemingway deshalb in einem seiner Briefe bei der Lektüre des Anfangs ausgerufen: „Buddenbrooks is a damn good book“ – weil der Stil so sehr seinem eigenen glich. Das Urteil über die späteren Passagen verkehrt sich ins Gegenteil. Womöglich, weil mit der dritten Buddenbrooks-Generation, aus der die Geschwister Thomas, Tony und Christian herausragen, die interne Fokalisierung die Oberhand gewinnt: Nun versenkt sich der Erzähler in die spezifischen Wahrnehmungsweisen der Figuren.

Kaum weniger markant ist der Ausflug ins ausgedehnt Szenische, wenn beinahe in Äquivalenz von erzählender und erzählter Zeit der wirtschaftliche Untergang des Tunichtgut Grünlich und Tonys Scheidung von ihm sich anbahnen. Ein ‚roman théâtre‘ nimmt vor dem Leser Gestalt an, anhebend mit einer bühnenbildhaften Beschreibung des Salons der Villa, die die (Noch-)Eheleute bewohnen, genauer Angabe ihrer Positionierung „beim ersten Frühstück“. Die Szene, die sich entfaltet, ist grotesk und farceartig. Es darf bemerkt werden, dass Thomas Mann den eigentlichen Verfall der Buddenbrooks nicht in gleicher Weise zu inszenieren weiß, sondern hierfür meist Erzählerkommentare zu Hilfe nehmen muss, etwa wenn er das Nachlassen von Thomas´ Geschäftstüchtigkeit mit dem Aufblähen seines Lebensstils kontrastiert.

Dritter markanter stilistischer Höhepunkt bildet das Ende des einzigen Sohnes von Thomas Buddenbrook, Johannes, genannt Hanno. Musisch unendlich begabt, kränkelt der Junge doch ständig. Sein Sterben an Typhus schildert Mann nicht direkt, sondern indirekt, durch nüchterne Darstellung der Krankheit einerseits und die Erwähnung und Erinnerung seines Todes in einem weiteren Kapitel andererseits.

Was über den Typhus zu lesen ist, lässt sich in leicht abgewandelter Form auch über den Nutzen des Pessimismus für den Romanautor sagen. Man wisse nicht, ob es sich beim Typhus um „die unangenehme Folge einer Infektion“ handelt oder um „das Gewand des Todes selbst, der ebensogut in einer anderen Maske erscheinen könnte, und gegen den kein Kraut gewachsen ist“. Bezogen auf den Romanautor nun bildet der Pessimismus das weltanschauliche Gewand, in das sich alle Erzählmanöver und -wagnisse einhüllen lassen, ohne dass es zu Rissen oder Brüchen kommt.
 
Andreas Günther 

Buddenbrooks ou À quoi bon le pessimisme ?

À l’occasion du 125e anniversaire de la publication du roman de Thomas Mann, le 26 février 2026 (22.02.26).

Un succès énigmatique : des millions d’exemplaires de Buddenbrooks, premier roman de Thomas Mann, se sont vendus, non seulement en Allemagne, mais dans le monde entier – et ce, parce que ou bien qu’il s’agisse du «Déclin d’une famille»? Tentative de réponse par la théorie narrative.

 La fille qui réprime son amour pour un futur médecin issu de la petite bourgeoisie après avoir lu la chronique familiale, par obéissance à la tradition patricienne – cela aurait suffi, après avoir savouré l’air libéral de la Montagne magique, à refermer Buddenbrooks. Des décennies plus tard, sans conscience de l’anniversaire approchant des 125 ans de sa parution, le livre est ressorti, courageusement repris et, cette fois, lu jusqu’au bout. Pourtant, il reste mystérieux de comprendre ce qui a captivé cinq générations de lecteurs. Car Buddenbrooks, premier roman de Thomas Mann, continue de se vendre, et probablement mieux que tous ses autres ouvrages – et c’est ce livre qui lui a valu le prix Nobel de littérature. 

Pourtant, ce succès avait été jugé très improbable par les observateurs littéraires dès sa première publication. L’atmosphère polarisée par la chute ne pouvait guère rivaliser avec l’optimisme d’un autre roman marchand, bien plus précis dans sa description des activités commerciales de ses protagonistes : Soll und Haben de Gustav Freytag. De plus, il manque des aventures amoureuses et surtout des dénouements heureux aux destins racontés. À la place, Buddenbrooks offre une esthétique de la désintégration sur trois et demie générations d´une famille des marchands assez riches – ruine financière, effondrement psychique, mort. Autrement dit, tout ce qu’un large public n’aime pas lire. Il est intéressant de noter que l’histoire de la réception, plutôt narrative qu’analytique et limitée à la période allant jusqu’à la mort de Thomas Mann, souligne ce point dans le volume de commentaires de Buddenbrooks publié dans le cadre de la Große kommentierte Frankfurter Ausgabe des œuvres de Mann. Les auteurs du commentaire attribuent principalement l’atmosphère fondamentale du roman aux étoiles intellectuelles de Mann, Nietzsche dans sa jeunesse ainsi que Schopenhauer : la prise de conscience de l’immuabilité des lois de la vie, la vanité de tous les efforts humains et la sympathie, voire l’ardeur, à démasquer une prétendue inaptitude à la vie, héritée.

 L’ombre littéraire de la pulsion de mort freudienne se profile déjà. Le pessimisme de Mann dépasse de loin celui du naturalisme d’Émile Zola, l’un de ses modèles littéraires, qui ne connaît pas seulement des fins fatales comme dans Nana ou La Bête humaine, mais aussi des renouveaux énergétiques comme dans L’Argent ou Docteur Pascal

Pourquoi donc Buddenbrooks est-il si sombre, morbide ? Mis à part l’engagement sincère présumé de l’auteur envers l’essence des « hommes en déclin », qui perdent en force de volonté tout en gagnant en sensibilité esthétique, le pessimisme a probablement offert à Mann une base solide pour la construction de son premier roman : la direction du déclin était facile à suivre. Cette trajectoire fournissait une structure fiable pour ce qui pouvait apparaître comme une virtuosité narrative, mais qui était peut-être simplement le laboratoire expérimental d’un écrivain débutant.

 Ainsi, on remarque ce que Gérard Genette qualifierait de changement marquant de focalisation d’une génération de protagonistes à l’autre. Les parties consacrées à la première et à la deuxième génération des Buddenbrooks suivent largement une focalisation externe ; il s’agit d’une écriture comportementale, qui reste presque entièrement en surface, décrivant les personnages sans connaître leur état intérieur. Peut-être est-ce pour cette raison qu’Ernest Hemingway, dans l’une de ses lettres, s’est exclamé en lisant le début : «*Buddenbrooks* is a damn good book » – parce que le style ressemblait tant au sien. Son jugement sur les passages ultérieurs s’inverse complètement. Peut-être parce qu’avec la troisième génération des Buddenbrooks, dont se détachent les frères et sœurs Thomas, Tony et Christian, la focalisation interne prend le dessus : le narrateur plonge désormais dans les modes de perception spécifiques des personnages. 

Un autre trait stylistique marquant est l’incursion dans le scénique étendu, lorsque la chute économique du bon à rien Grünlich et le divorce de Tony de lui s’amorcent, presque en équivalence entre le temps de la narration et le temps raconté. Un « roman théâtre » prend forme devant le lecteur, commençant par une description détaillée, comme pour la scène, du salon de la villa  que les (encore) époux habitent, avec une indication précise de leur positionnement « au premier petit-déjeuner ». La scène qui se déroule est grotesque et farcesque. Il est permis de noter que Thomas Mann ne parvient pas à mettre en scéne de la même manière la véritable décadence des Buddenbrooks. En fait, il doit souvent recourir à des commentaires du narrateur, par exemple lorsqu’il contraste le déclin de l’habileté commerciale de Thomas avec l’expansion de son train de vie.

Le troisième point stylistique marquant est la fin du seul fils de Thomas Buddenbrook, Johannes, surnommé Hanno. Doté d’un talent musical infini, le garçon est pourtant constamment malade. Mann ne décrit pas directement sa mort du typhus, mais indirectement, en présentant sobrement la maladie d’un côté, et en mentionnant et évoquant sa mort dans un chapitre ultérieur. Ce que l’on peut lire sur le typhus peut également s’appliquer, sous une forme légèrement modifiée, à l’utilité du pessimisme pour le romancier. Selon cette perspective, on ne sait pas si le typhus est « la conséquence désagréable d’une infection » ou « le vêtement de la mort elle-même, qui pourrait tout aussi bien apparaître sous un autre masque, et contre lequel aucun remède n’existe ». Pour le romancier, le pessimisme constitue ainsi le vêtement philosophique dans lequel tous les procédés et audaces narratifs peuvent s’envelopper, sans qu’il y ait de déchirures ou de ruptures. 

Andreas Günther 

 

Buddenbrooks oder Wer braucht Pessimismus?

  Zum bevorstehenden 125ten Erscheinungsjubiläum von Thomas Manns Roman am 26. Februar 2026 (22.02.26). Ein rätselhafter Erfolg: Million...