Zum Film Nouvelle Vague von Richard Linklater (Deutscher Kinostart: 12.03.26).
Was kommt jetzt? Wer das nicht weiß, ist in den Zustand der Jugend versetzt - wie die Filmcrew von Außer Atem durch die absolutistische Phantasie von Jean-Luc Godard. Für seine euphorische Hommage des Filmschaffens duldet Richard Linklater nicht den Hauch von Tragik.
Sich die vermeintlich verletzte Seite haltend, taumelt und torkelt ein noch kaum bekannter Schauspieler namens Jean-Paul Belmondo (gespielt von Aubry Dullin) über das Kopfsteinpflaster einer engen Pariser Straße, die nicht ohne historische Resonanz ist. Flüchtig stützt er sich auf der Motorhaube eines geparkten Autos ab. Es sei nichts, nuschelt er besorgten Passanten zu, man drehe nur einen Film. Sie sollten aber ihn anschauen, nicht die Kamera hinter ihm.
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| Wir drehen! Nichts Ernstes! Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin) ist im Begriff zu laufen wie ein Verletzter. |
So stellt sich der texanische Regisseur Richard Linklater die Dreharbeiten zur berühmten, ja mythisch gewordenen Sterbeszene von Außer Atem von 1959/60 vor. Der Entstehung dieses Klassikers des Autorenkinos widmet er mit seinem neuen Film Nouvelle Vague eine Chronik in der Art eines Schelmenromans und, in einem Akt der Anverwandlung, in Schwarzweiß und dem Bildformat 1.37:1, wie Außer Atem eben. Dessen Schöpfer Jean-Luc Godard (Guillaume Marbeck) und seine Mitstreiter lässt Linklater entgegen der Erwartung märtyrhafter Mühsal, die doch meist die Hevorbringung großer Kunst kennzeichnet, geradezu von einem Glücksmoment zum anderen wandeln. Das können sie, weil Linklater seinem Godard die unbeschränkte, erneuernde, kreative und vor allem sich ins Unbekannte wagende Kraft der Jugend zuerkennt. Es handelt es sich hierbei weniger um ein biologisches Alter als um eine Einstellung zur Welt, die es zu formen und zu verwandeln gilt, im starken Sinne Nietzsches – oder Picassos, von dem Tochter Paloma einmal sagte, er sei unter allen Menschen immer der jüngste gewesen.
Davon ist Richard Linklaters Werk als Regisseur beseelt. Sehr offensichtlich ist das in School of Rock (2004) und insbesondere Boyhood (2014), subtiler in der Before-Filmreihe. Nouvelle Vague bildet die cinephile Film-im-Film-Variante von Richard Linklaters Jugend-Thematik. Darin ist nicht weniger als in den frühen Streifen Slacker (1991) und Dazed and Confused (1993) das anzutreffen, was David Thompson einmal „a nice faith in going nowhere“ genannt hat: Was dabei als nächstes kommt, weiß man nicht, nicht einmal, ob etwas kommt - man muss eben vertrauen oder gar glauben….
Augenzwinkernd beginnt Linklater damit, dass Godard eben diesen Glauben scheinbar nicht besitzt. Als Regisseur – bisher nur von Kurzfilmen - wähnt er sich uneinholbar überflügelt von seinen Kollegen Claude Chabrol (Antoine Besson) und Francois Truffaut (Adrien Rouyard), insbesondere, als letzterer bei den Filmfestspielen von Cannes 1959 für Sie küssten und sie schlugen ihn den großen Preis für die beste Regie erhält. Zwei Jahre älter als Truffaut, meint er schon zu betagt zu sein, um auch einen der abendfüllenden, revultionären jungen Filme zu drehen, eben diejenigen der titelgebenden ‚Nouvelle Vague‘, die er als Redakteur der Cahiers du cinéma gegen die verstaubt erscheinende französische Filmtradition in Stellung bringt. Aber schon bei der entscheidenden Besprechung mit dem Produzenten Georges de Beauregard (Bruno Dreyfürst), an den Strand von Cannes verlegt, ist Linklaters Godard als Verführer in seinem Element, der mit Bluff und Hochgebildetenhabitus Menschen dazu bringt, Dinge zu tun, die sie eigentlich gar nicht wollen. Linklater inszeniert die Begegnung dynamisch im Modus des walk and talk, des Flanierens und Parlierens, das sich durch sein gesamtes Schaffen zieht und das er sich am „Wunder“ (Linklater) Außer Atem abgeschaut haben dürfte. Das amerikanisch-französische Vierergespann der Drehbautoren von Nouvelle Vague, gebildet aus Holly Gent und Vince Palmo, Michéle Halberstadt und Laetitia Masson, liefert eine erste Kostprobe des Bonmot-Gewitters, der Schlagfertigkeit und der Sophistication, welche die Bilder von Nouvelle Vague weit in den Schatten stellen. Linklater übernimmt überwiegend das Image von Godard, das dieser – nach seinem Biographen Antoine de Baecque - von sich zu entwerfen wusste: genialer Kreativer, melancholisch und paradoxal, literarischer und romantischer Tradition entsprungen, aber sensibel für Moden und Resonanzen der Gegenwart.
Eindeutig wendet sich Nouvelle Vague an den doch relativ kleinen Kreis des dezidiert cinephilen Kinopublikums. Die filmgeschichtlichen Akteuren mit ihrem Namen am Fuß der Leinwand vorzustellen, wie Jacques Rivette und Eric Rohmer, oder eben Truffaut und Chabrol, hat weniger den Charakter der Einführung von Uneingeweihten als den eines Tests für die Zuschauer, wie gut die Ähnlichkeit der Darstellerinnen und Darsteller mit ihren Vorbildern getroffen ist. Während Godard nicht nur charakterlich seinem Image entspricht, sondern ihm auch äußerlich weitgehend gleicht, ist dies für die Interpreten von Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg nicht gegeben. Guillaume Marbeck fehlen vollkommen die markanten Züge, die Belmondo schon als junger Mann eigen waren; nur die Körpersprache macht ihn ihm ähnlich. Bei Zoey Deutch verhält es sich genau umgekehrt: Der aus Iowa stammenden Seberg wie aus dem Gesicht geschnitten, harmoniert die ihr vom Drehbuch angehängte Persona einer abgebrühten Hollywood-Diva wenig mit einer knapp 20jährigen Amerikanerin, die gerade einmal drei Filme gedreht hat und eben mit ihrem französischen Ehemann nach Paris übergesiedelt ist.
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| Aubry Dullin und Zoey Deutch in den Rollen von Jean-Paul Belmondo und Jean seberg in Außer Atem. |
Nach einer Story von Francois Truffaut – auf den der Produzent vertraut – arbeitet Godard ein Drehbuch aus – was Linklater etwas zu sehr herunterspielt - über die kurze, herbe Pariser Romanze zwischen einem gesuchten Polizistenmörder und Luxusauto-Dieb namens Michel Poiccard und der amerikanischen Studentin und debütierenden Journalistin Patricia Franchini. Im Sommer 1959 beginnt Godard die Dreharbeiten mit Belmondo und Seberg in den Hauptrollen. Und die zu schildern, ergibt bei Linklater einen Wohlfühl-Film, mit dem dann doch einem über die Cinéphilie hinausgehenden Publikum die Hand gereicht wird.
Denn jeder der nur 23 Drehtage von Außer Atem– die Linklater durchnummeriert - wird zu einer Überraschung – dank Godard. Niemand außer ihm hat das Drehbuch zur Hand. Ihre Dialoge und Anweisungen erhalten die Schauspieler am Set von ihm ins Ohr geflüstert, kurz bevor die Kamera läuft. Die Drehorte gehen - Realismus ist gefragt! – so in den Film ein, wie sie vorgefunden werden. Zumal die Außenaufnahmen heimlich, ohne Genehmigung entstehen. Wie lange gedreht wird, ob den ganzen Tag oder doch nur zwei Stunden oder auch gar nicht, hängt von der Laune und der gerade verfügbaren kreativen Energie Godards ab.
Linklater lässt sich nicht entgehen, dass sich der Produzent mit seinem Regisseur wegen dessen ‚Faulheit‘ prügelt, ohne indes zu betonen, dass es zu dieser Schlägerei gekommen ist, weil sich Godard krank gemeldet, aber Beauregard ihn gesund und munter beim Frühstück in einem Café angetroffen hat…Stattdessen zeigt Linklater die Crew um Godard glücklich vor Stolz, jeden Drehtag – wenn er denn stattfindet – die Kunstform Film um eine Innovation und originelle Idee bereichert zu haben. Godards Phantasie und Selbstbewusstsein scheinen bei Linklater unerschöpflich – und seine Fähigkeit, für beides schöne Worte zu finden. Linklater lässt an einem fröhlichen Fest teilhaben, mit dem das Filmemachen neu erfunden wird.
Damit dürften viel mehr Leute etwas anfangen können als mit der Deklination von historischen Gestalten des Filmschaffens. Unstrukturierte Arbeitsplätze – die kennt jeder. Erfrischende neue Erfahrungen, welche die Routine aufbrechen – die wünscht sich jeder. An etwas Großem teilhaben will auch jeder. Spaß an der Arbeit haben, wenn sie denn sein muss, sowieso. Und ein Genie als Chef kann man wenigstens respektieren.
Linklater ist denn auch bemüht, zugunsten positiver Stimmung jeden Anflug von Tragik zu vermeiden. Er verweilt gern beim ausgiebigen Liebeständeln von Michel und Patricia in deren kleinem Zimmer, dieser Episode in Außer Atem mit ihrer seltsam berauschenden Mischung aus Banalität und Lebensfreude, Zärtlichkeit und Metaphysik. Linklater schmuggelt in diese sogar die von Patricia an Michel viel später gestellte, von Faulkners Wilde Palmen inspirierte Frage, ob er, vor die Wahl gestellt, sich für das Nichts oder das Schicksal entscheiden würde. Sie bleibt bei Linklater bezeichnenderweise unbeantwortet – ein Signal dafür, dass Nouvelle Vague zu gefällig gerät.
Eine gewisse Spannung entsteht nur dadurch, dass die Figur der Jean Seberg den Widerpart zu Godard gibt. Nach dem ersten Entsetzen über das chaotische Treiben des französischen Jungregisseurs versucht sie, sich mit Concettos am geistreichen Spiel mit Worten und Ideen zu beteiligen („Film ist ein Kreis und eine gerade Linie“), verliert daran aber die Lust und pocht immer wieder auf Arbeitsdisziplin. Die auf sie fokussierte letzte Einstellung von Außer Atem wird als mühsam erreichtes Ergebnis eines kreativen Ringens mit Godard ausgewiesen.
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| In Nouvelle Vague legt Richard Linklater Jean Seberg (Zoey Deutch) als Widerpart ihres Regisseurs Jean-Luc Godard (Guillaume Marbeck) an. |
Filmhistorisch ist die Miesepeter-Rolle von Seberg unwahrscheinlich. Sebergs Briefe und Aufzeichnungen, die Godards Biograph Antoine de Baecque herangezogen hat, zeugen zwar von anfänglicher Reserviertheit und Ablehnung, aber auch von zunehmendem Gefallen daran, dass Godards Vorgehen zu dem in der Traumfabrik diametral entgegengesetzt war und sie sich ganz „natürlich“ fand.
Linklater wird Seberg wenig gerecht – auch weil er der Tragik keinen Platz gibt. Während im Epilog von Nouvelle Vague die großen Karrieren von Godard und Belmondo herausgestellt werden, die auf Außer Atem folgten, wird bei Jean Seberg nur erwähnt, dass sie mit 40 Jahren starb und immer mit ihrer Rolle in jenem Film verbunden war. Die schrecklichen und mysteriösen Umstände ihres Todes werden nicht beachtet.
Das Moment der Tragik bleibt auch in anderer Hinsicht unterdrückt. Statt dem Image Godards von sich selbst zu folgen, hätte er im Interesse eines vielschichtigeren Porträts durchaus auch dessen Empfindungen eines tragischen Helden aufgreifen können, in dessen Augen von seinem Team innerlich alles abgelehnt wird, was sein kreatives Selbst ausmacht, und der mit jedem Tag, den er Regie führt, die Kluft zwischen sich und den anderen weiter aufreißen fühlt.
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| In Nouvelle Vague erschließt Richard Linklater das Genie von Jean-Luc Godard ohne seine tragischen Facetten und Unsicherheiten. |
Und schließlich ist da die Tragik von Außer Atem selbst, die weder ins Bild noch zu Wort kommt. Linklater will die Romanze verbessern und verfälscht sie dadurch, wenn er den Eindruck erweckt, dass nicht Patricia Michel an die Polizei verraten hat, sondern ein Passant, den Godard selbst spielt, aber viel früher im Film auftaucht. So bleibt die immer aktuelle Kritik an der egozentrischen Suche nach großen Gefühlen unerhört, die Patricia zum Verrat treibt und sie nach ihrem Geständnis, ihn verpfiffen zu haben, entleert zurücklässt. Der Sterbeszene von Michel schließlich wird, siehe oben, durch die Aufdeckung des Inszenierungscharakters die Wirkung genommen, die sich dem Zuschauer von Außer Atem so tief einprägt. Zuviel Spiel mit dem Spiel beraubt die Kunst ihrer Faszination.
Wie Sentimental Value – siehe einen der vorherigen Posts – feiert auch Nouvelle Vague das Filmemachen. Weil der Gegenstand ein französisches Kulturgut bildet, ist die Auszeichnung mit vier Césars – die französischen Pendants zu den - ‚Oscars‘ – keine Überraschung. Gute, ja herausragende Filme lassen sich dadurch nicht ersetzen.
Andreas Günther









