Dienstag, 2. Juni 2026

Das ganz persönliche Glück

 


Zu Valentine Cadics Film Ein Sommer in Paris (Kinostart: 4. Juni 2026)

Eric Rohmer weilt nicht mehr unter uns. Aber seine Kinogeschichten von eigenwillig Lebenden und Fühlenden, die sich nach Nackenschlägen an kleinen Zeichen des Glücks aufrichten, finden in Ein Sommer in Paris eine zauberhafte Fortführung.

Im Sommer 2024 ist Paris Austragungsort der Olympischen Spiele. Von nah und fern reisen die Massen an, um an dem renommiertesten Sportevent des Planeten teilhaben zu dürfen. Unter ihnen ist auch Blandine (Blandine Madec) aus der Normandie. Sie möchte dem von ihr verehrten Schwimmstar Béryl Gastaldello anfeuern und außerdem ihre Halbschwester Julie (India Hair) besuchen, deren Tochter und Blandines Nichte ihren achten Geburtstag feiert. Beides gestaltet sich schwierig. Wegen ihres großen Rucksacks darf sie ihr Ticket für die Schwimmhalle nicht einlösen. Wegen einer Formalität setzt die Jugendherberge sie auf die Straße. Und Julie ist abgelenkt vom Stress mit ihrem Ex Paul (Matthias Jacquin), der als Aktivist gegen die politischen Zwangsmaßnahmen vor und während der Olympiade mit der Polizei in Konflikt gerät, was Blandine so etwas wie eine Verhaftung einträgt….

Paris im Sommer 2024: Blandine (Blandine Madec, Mitte) will bei den Olympischen Spielen ihr Sportidol anfeuern.

Valentine Cadics Debütfilm, dessen Drehbuch sie zusammen mit Mariette Désert geschrieben hat und der 2025 auf der Berlinale in der Reihe Perspectives gezeigt wurde, ist eine zartbittere Komödie, die das Unglamouröse innig umarmt. Ihr dramaturgisches Prinzip ist die sensible Vermessung der Entfernung zwischen dem überdimensionierten Event der Olympischen Spiele und ihrer Heldin, aber auch zu den Menschen um sie herum. Die innere Entwicklung ist dabei weniger auf Seiten Blandines zu suchen als beim Publikum, das seine Vorurteile – auch wohlmeinende – gegenüber dieser Frau von 30 Jahren ablegen muss, während es sie als Mensch entdeckt. Blandine, von Blandine Madec mühelos zum Leben erweckt, scheint sich über sich selbst weitaus mehr im Klaren zu sein als die anderen. Und sie besitzt Geschick, sich aus brenzligen Situationen zu befreien.

Die Persönlichkeit von Blandine (Blandine Madec) gilt es zu entdecken.

 

Die grazile Dame, die am Anfang des Films in Griechenland das olympische Feuer entzündet, steht wie die Olympionike Béryl Gastaldello in hartem Kontrast zu Blandine. Blandine ist groß, stämmig, kräftig, vielleicht mit einer Neigung zum Übergewicht. Meist hat sie ein gutmütiges, geradezu kindliches Lächeln, das allerdings aufgrund ihrer Widerfährnisse in ebenso ausgeprägte Trübsinnigkeit umschlagen kann. Obwohl von ganz anderer äußerer Gestalt, erinnert sie an die Delphine aus Eric Rohmers Klassiker Das grüne Leuchten (1986). Wie Delphine besitzt auch Blandine einen inneren Kompass, der ihr eigenwilliges Leben und Fühlen steuert und dessen Ausschläge für die anderen schwer nachzuvollziehen sind. Anders ausgedrückt: Sie beugen sich nicht dem Erwartungsdruck ihrer sozialen Umgebung.

Es ist eine bescheidene, vielleicht auch egozentrische Vorstellung von sehr persönlichem Glück, an der sich Blandine orientiert. Wie damals für Delphine zählen für Blandine mehr der besondere, ein bisschen magische Moment und – darin wiederum Henry James´ Isabel Archer aus dem Portrait of a Lady verwandt – die Möglichkeit von Begehren und Erfüllung. 

 

Blandine (Blandine Madec) auf dem Motorrad von Benjamin (Arcadi Radeff)

Diese Möglichkeit darf aber ihrer Überzeugung, wer sie wirklich ist und was sie wirklich will, nicht im Wege stehen. Auch nicht, als sie sich auf dem Motorrad-Sozius des netten und attraktiven Elektrikers Benjamin (Arcadi Radeff) wiederfindet.

Andreas Günther 

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